Was ist Frausein: 1. Zyklus – Das Mädchen

Was ist Frausein? Das Mädchen

Was ist Frausein: 1. Zyklus – Das Mädchen

Teil 1 der Serie „Was ist Frausein?“. Alle bisher erschienenen Teile der Serie findest Du unter der Kategorie » Frausein.

Mit nackten Füßen über Wiesen streifen, die Haare wild und zerzaust vom Wind, den Kopf voll mit Fragen und Geschichten. Das Mädchen ist jung und unerfahren, voll mit unbändiger Neugier, kühn und stürmisch wie ein kaltes Frühlingsgewitter.

Das Mädchen ist, was uns in gemeinsamer Erfahrung eint und später unsere Zukunft auf so unterschiedliche Weise formt.

Jede von uns war einmal ein Mädchen. Jede war ein bisschen anders, manche wilder, manche zahmer, manche in Kleidern und langen Haaren, manche kurzhaarig und in ausgebeulten Jeans.

Ein Mädchen zu sein, das fiel manchen leicht und anderen schwer.  Aber jede von uns war einmal an einem dieser unendlichen Punkte: mutig und zerrissen, trotzig und unsicher, stolz und überfordert.

Das Mädchen ist der Teil von uns, der für die Welt niemals richtig greifbar wird, so frei und losgelöst von jeglichen Fesseln ist sie.

 

Das Mädchen ist die weiße Göttin

 

Das Mädchen, die Jung(e)frau, ist weiß wie der Schnee, der alles Leben überdeckt und schließlich Keimlinge und zarte Knospen hervorbringt. Sie ist die weiße Göttin, die mit ihren Freundinnen, den Amazonen, schreiend, lachend, aufbrausend über die Wiesen reitet und den Kampf nicht scheut. Deshalb wird sie in späteren Zeiten auch Artemis (griech.) oder Diana (röm.) genannt, Pfeil und Bogen sind ihr Zeichen, genauso wie das Hirschgeweih.

„Die Jungfrau ist der Inbegriff von Frei- und Wildheit. Niemanden ist sie Rechenschaft schuldig und niemand prägt ihren Pfad. Gesellschaftliche Zwänge und die Sorge um Haus und Hof sind ihr fremd. Kein Gefährte, keine Familie, keine Kinder welche sie umsorgen muss. Sie entscheidet frei und ungezwungen, wem sie ihre Gunst schenken möchte, wem sie sich hingeben will, wie lange sie an einem Ort verweilen möchte und was sie als nächstes zu tun gedenkt.

Aus der Freiheit ihres Seins und ihrer Sexualität schöpft sie die Freiheit ihres Geistes. Kein Gedanke existiert, den sie nicht zu denken bereit ist. Sie ist offen für jeden Pfad und beschreitet diesen frohen Mutes mit der ihr angeborenen Neugier, bereit das Unmögliche zu tun. Gut oder Böse sind ihr vollkommen unbekannt und doch ist sie die Richterin. Sie richtet jedoch nicht nach den uns bekannten Schemen. Ihre Urteile sind geprägt durch die kindliche Reinheit ihres Geistes, welcher nur beurteilen, ob eine Handlung dem Leben dienlich war oder nicht. Sie wirkt nach den uralten Gesetzen der Natur. 

Die Jungfrau ist die Göttin des Lernens, der Lebensfreude, des Erkennens, des Richtens und des Aufbauens. Durch ihre Ungebundenheit ist sie auch jene der Kreativität und der Inspirationen. Die Wilde ist auch bereit für ihre Freiheit zu kämpfen, denn niemand hat das Recht über sie zu bestimmen. Ihre Wege sind jene der Wahrnehmung des eigenen Selbst. Sie lernt und lehrt, dass der erste und zugleich der wichtigste Schritt im Leben eines jeden Wesens es ist, die Verantwortung über sich und seine Taten zu übernehmen, sich selbst zu erkennen.“
hexenpfad.de

 

Frühling, Sonnenaufgang, Mondin

 

Zu Jul, der Wintersonnenwende, hat das Mädchen sich transformiert. Sie ist von der schwarzen Greisin, der dunklen Zeit, zur weißen Jung(e)frau geworden. Sie wird das Land von Brigid und Ostara bis zur nächsten Transformation im Venusbad an Beltane regieren.

Der Frühling ist ihre Jahreszeit, wenn alles noch schläft und nur langsam erwacht. Da rennt das Mädchen daher und jubelt so laut, dass der Schnee schmilzt und die darunter versteckten Pflanzen sich ihr entgegen recken. Denn ihre Augen sind wie frische Wasserfälle und ihre Hände sind sanft und spielerisch.

Die weiße Göttin zeigt sich besonders am Morgen und zum Sonnenaufgang. Sie ist auch die Mondgöttin (siehe Artemis/Diana) und erscheint als zunehmender Mond.

Dieses Mädchen, die Jung(e)frau, die weiße Göttin – sie ist weder lieblich noch süß. Sie ist keinesfalls brav oder sittlich und schon gar nicht hilflos. Alle, die das behaupten, haben Angst vor ihrer unbändigen Kraft und Wildheit. Eine Amazone lässt sich nicht dressieren und zurecht machen, sie ist genauso wie sie vor Dir steht. Entschlossen. Ausgelassen. Herausfordernd.

 

Was uns vom Mädchen verschwiegen wurde

 

Es ist kein Zufall, dass all diese Eigenschaften und überhaupt vieles das die weiße Göttin ausmacht, einen negativen Beigeschmack hat. Ein Mädchen hat still, freundlich und hilfsbereit zu sein, mehr haben viele von uns nie gehört. All diese anderen Seiten des Mädchens, sie wurden uns verschwiegen und unterschlagen, damit niemand die bestehende Ordnung stört und hinterfragt.

Deshalb tun wir uns in unserem späteren Leben so schwer damit, andere Mädchen und junge Frauen zu verstehen, ihnen Geduld, Respekt und Stolz entgegenzubringen. Weil wir mit unserer eigenen Zeit als Mädchen nicht ausgesöhnt sind. Zu viele Mauern haben wir gebaut, um uns von unseren eigenen Gefühlen und Sehnsüchten der Zeit abzukapseln. Um in das Schema der domestizierten, erwachsenen Frau zu passen. Das Mädchen erscheint uns aufsässig, obwohl sie herausfordernd ist. Wir meinen, sie sei eingebildet, weil sie sich ihrer selbst sicher ist. Wir betonen, wie unbedacht sie ist, dabei ist sie eine mutige Kämpferin.

In einer Zeit, die für junge Menschen schwer zu verstehen ist, weil so vieles auf einmal passiert und das Abwägen zwischen kindlicher Ignoranz und erwachsenem Verantwortungsbewusstsein meistens nur halb funktioniert, ist das Mädchen eine Bastion der Stärke, die es uns erst möglich macht, zur Frau zu werden.

Diese Stärke, kultiviert und erweckt als weiße Göttin, bildet die Basis für all das, was uns später auf unserem Weg begegnet: Berufswelt, Familie und Kinder, Krankheit, Tod. Jedes Mal, das wir an einem Abgrund stehen, schubst das Mädchen uns über die Kante, lässt uns fallen und am Boden angekommen wieder aufstehen.

Frausein heißt Mädchen sein, weil die Jung(e)frau die treibende Kraft ist, unser Überlebensinstinkt.

Erscheinungen

Mädchen, junge Frau, Jung(e)frau

weiße Göttin

u.a. Artemis (griech.), Diana (röm.)

Eigenschaften

wild, neugierig, stürmisch, mutig, frei, aufbrausend, kreativ, herausfordernd, inspirierend

Zeiten

Frühling

(Transformation) Jul – Brigid – Ostara – Beltane (Transformation)

Morgen, Sonnenaufgang

zunehmender Mond

Bildsprache

wilde Jagd

Pfeil und Bogen

Hirschgeweih

Amazonen

* Statt dem Wort Jungfrau verwende ich in diesem Text absichtlich die abgewandelte Form Jung(e)frau, die darauf aufmerksam machen soll, dass Jungfrau keine sexuelle Aussage ist, sondern nach alter Form allein auf die Wortherkunft „junge Frau“ zurückgeht.

 

Bild: Sharon McCutcheon Unsplash

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