Was ist Frausein: 1. Zyklus – Die Künste

Was ist Frausein? Die Künste

Was ist Frausein: 1. Zyklus – Die Künste

Teil 3 der Serie „Was ist Frausein?“. Alle bisher erschienenen Teile der Serie findest Du unter der Kategorie » Frausein.

Zur dunklen Zeit, wenn das Hexenneujahr am 31. Oktober und 1. November gerade vorüber ist, sammelt sich langsam und stetig eine Kraft in der Mutter Erde. Diese überdauert sowohl Kälte als auch Schnee. Die Alte, die schwarze Göttin, ist so voll von Erfahrung und Macht, dass sie davon etwas abgibt, tief in den Erdkern hinein. Wenn die weiße Göttin zur Wintersonnenwende langsam erwacht, kann sie aus diesem Schatz mit vollen Händen schöpfen.

Daraus entstehen die Knospen des Frühlings, die kleinen bunten Flecken am Wegesrand, die lauwarmen Lüfte im Frühsommer. Die Jung(e)frau nimmt ihr Erbe aus der Erde und formt all diese Dinge und noch viel mehr. Mit Regen und spätem Frost düngt und testet sie, was nur ein paar Wochen später in Fülle und Glanz erstrahlen wird. Sie bereitet die Welt langsam auf die heiße Zeit des Sommers vor. Damit steht sie ganz am Anfang des Spätsommerlichen Erntens.

 

Die Künste der Bewegung und Veränderung

 

Diese schöpfende Kraft der weißen Göttin bleibt nicht nur Mutter Erde vorbehalten. Auch in den Menschen wirkt sie im gleichen zyklischen Ablauf. Der lange, dunkle Winter lässt den Frühling herbeisehnen, zarte Ideen für die Projekte das Jahres bilden sich. Wenn es dann tatsächlich heller wird, wachsen diese Ideen zu Taten heran.

Einen Kopf voller Ideen und eine mutige Hand – mehr braucht es nicht, um etwas in Bewegung zu bringen. Bewegung, das kann vieles sein: Veränderung, Verwachsung, Verirrung. Aber jedes Mal entsteht etwas, das neu oder zumindest anders ist als das, was schon da war. Die Kraft eine Bewegung zu vollbringen, mit Kopf und Hand, sind die Künste. Sie sind schwer zu fassen und begrifflich kaum zum definieren. Denn bei den Künsten geht es nicht um das Endprodukt, sondern um den Prozess der Herstellung, der Anstoß und die Bewegung.

 

Die weiße Göttin ist kühn und ungezähmt

 

Die Jung(e)frau besitzt alle Charakteristika, die es für den Anstoß von Bewegung braucht. Sie denkt und handelt gleichermaßen, ohne sich von eventuellen Problemen abhalten zu lassen. Diese Kühnheit gibt die anfängliche Kraft und Überwindung, die es für etwas Neues braucht. Die Jung(e)frau schöpft aus dem Erbe der Alten und zu großen Teilen aus ihren eigenen Instinkten, welche noch ungezähmt von Konvention und Grenzen sind.

Die inhärente schöpferische Kraft der Frau ist bei der weißen Göttin am eindrucksvollsten zu sehen. Denn nicht alles, was sie erschafft, wird zu einem Ganzen oder einem Erfolg. So manches Mal ist sie zu übermütig oder zu unbelesen, um ihre eigene Kraft einzuschätzen. Daraus kann Chaos und wirkungsvolle Verwirrung entstehen, die ihrerseits wieder etwas Neues – und zwar Lebenserfahrung – hervorbringt. Dieser Lernprozess ist die Basis für das, was die rote Göttin wird erschaffen können, nämlich Leben, und was die schwarzen Göttin wieder zerstören und nehmen wird.

 

Aus Frauenhand Künste und Wissen weitergeben

 

Wenn auch nicht mehr so populär wie in alten Zeiten, so zeigen sich die Künste auch heute noch von Frauenhand geformt. Verwandt mit dem traditionellen Weben und Spinnen in Mythen und Märchen, sind die Handarbeiten. In kleinen Kreisen fanden sich Frauen schon immer zusammen, um zu nähen und häkeln und, angeregt durch die magischen Künste, sich auszutauschen. Handarbeitskreise und Stickabende am Kamin waren gerade für Mädchen ein wichtiger Teil ihres Lebens. Denn sie lernten dort nicht nur das Handwerk, welches sie später verfeinern würden. Sondern sie lernten auch über das Frausein und das Erwachsenwerden. So war es zu vielen Zeiten nur möglich, dieses Wissen an junge Frauen weiterzugeben, wenn die Männer des Hauses nicht anwesend waren – und das waren sie beim Stricken am Abend wohl kaum.

Auch das Kochen und die Gartenarbeit zählen zu den Künsten. Genauso wie die zahlreichen Erfindungen, welche Frauen aus der Not halfen und zum Beispiel den Ackerbau revolutionierten.

Nicht zuletzt sind es auch die griechischen und römischen Sagen, welche der Jung(e)frau eine der wichtigsten Künste für das Überleben zuschreiben: Die Jagd. Sowohl Artemis als auch Diana sind die weißen Göttinnen, die mit Pfeil und Bogen über Wiesen und durch Wälder reiten und zusammen mit ihren Amazonen Hirsche jagen und erlegen. Diese rohere und aggressivere Kunst zeigt deutlich das wilde Wesen der Jung(e)frau, die durch Stärke und Entschlossenheit selbst die Künste des Kampfes meistert und vollendet.

* Statt dem Wort Jungfrau verwende ich in diesem Text absichtlich die abgewandelte Form Jung(e)frau, die darauf aufmerksam machen soll, dass Jungfrau keine sexuelle Aussage ist, sondern nach alter Form allein auf die Wortherkunft „junge Frau“ zurückgeht.

 

Bild: Mallory Johndrow Unsplash

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