Was ist Frausein: 1. Zyklus – Die Menarche

Was ist Frausein? Das Mädchen

Was ist Frausein: 1. Zyklus – Die Menarche

Teil 2 der Serie „Was ist Frausein?“. Alle bisher erschienenen Teile der Serie findest Du unter der Kategorie » Frausein.

Seit Jahrhunderten hat es keine Drachen mehr gegeben. Kaum jemand erinnert sich noch an sie. Manchmal kann man die Alten flüstern hören, von längst vergangenen Zeiten und Urgroßmüttern, welche sich den riesigen Geschöpfen in den Weg stellten. Doch das ist lange her und die Alten reden häufig wirr.

Bis eines Morgens ein ganzes Land von einem lauten, tiefen Schrei geweckt wird. Es ist die große Drachin, die mit ihren Schritten die Erde zum Beben bringt. Bei jedem Mal das sie ausatmet, brennt es aus ihren Nüstern und auf Früchte und Getreide ihres Weges. Vor dem Schloss bleibt sie stehen und brüllt so lange bis ihr der König selbst gegenübertritt.

„Deine Tochter will ich“, sagt sie. Ihre Stimme ist nicht mehr wie Rauch, der aus der Glut entrinnt, dennoch dringen ihre Worte bis in das Stein des tiefsten Gebirges.

Der König weigert sich. Doch als die Drachin droht, die nächsten sieben Jahre alle Nahrung in Flammen aufgehen zu lassen, sodass das Volk wird hungern müssen, da lenkt er ein.

Ängstlich und schüchtern tritt die Prinzessin vor. Ihre Mutter hilft ihr auf den hart geschuppten Rücken der Drachin. Noch ehe Worte des Abschieds gewechselt werden können, fliegt die Drachin davon. Erst fliegt sie immer höher und höher, doch dann sinkt sie und landet schließlich in einer weit verzweigten Höhle, ihrem Zuhause.

Die Prinzessin verbringt die nächsten sieben Jahre bei der Drachin. Als sie schließlich wieder aus der Höhle steigt und ins Schloss zurückkehrt, ist sie zu einer jungen Frau geworden. Gerade und bestimmt geht sie ihres Weges, ihre Hände vollbringen unglaublichstes Handwerk. Wer mit ihr spricht, wird von ihren Gedanken und Ideen für immer verändert sein.

So oder so ähnlich ist es damals geschehen.

 

Die Mythe der Menarche

 

Diese Mythe ist leider kaum noch bekannt, doch sie ist ein wahrer Schatz. Die Drachin steht von jeher für die Göttin in ihrer ältesten Form, der weisen Alten, die das Mädchen von der Hand ihrer Mutter nimmt und sie in ihrer Höhle alles lehrt, was eine Frau wissen muss. Es ist eine Mythe der Transformation und des Übergangs, ganz wörtlich: der Menarche. Die Menarche ist die erste Menstruationsblutung einer Frau – es ist der Moment, indem sie von der Jung(e)frau zur Frau wird.

Das Wort „Menarche“ ist heute den meisten Mädchen und vielen Frauen unbekannt. Kaum eine horcht gespannt auf, wenn es einmal irgendwo fällt. Das hängt damit zusammen, dass die erste Menstruation vollkommen von ihrer ursprünglichen Bedeutung entkoppelt ist.

Menstruation, das bedeutet: Schmerzen, Last und Unwohlsein – und Geschlechtsreife, Sex, Schwangerschaft. Die Menstruation macht „verfügbar und gefährlich“¹ und wenn ein Mädchen ihre Menarche erlebt, dann wird auch sie zu einem sexuellen Objekt und das Blut ist der Beweis dafür.

 

Spirituelle Transformation von der weißen zur roten Göttin

 

Doch die Menarche hat eine ganz andere Bedeutung, eine viel größere und tiefere nämlich, genauso wie die Menstruation selbst. Sie ist das Überschreiten einer Schwelle, vor der die Wildheit und Unbedachtheit der Kindheit und nach der die Kraft und Selbstsicherheit des Erwachsenseins gilt. Die Menarche ist eine spirituelle Transformation und eine Aufnahme in den Kreis der Frauen. Sie ist die Knospe, die endlich ihre Blüte ausschlägt und das Feuer, welches vom Knistern zum Peitschen wandelt. Die weiße Göttin wandelt sich zur roten Göttin.

Die Menarche hat nur etwas mit der Jung(e)frau selbst zu tun, nichts außerhalb von ihr wird durch ihre Erfahrung tangiert oder verändert. Das Mädchen lernt, was es heißt, Leben zu schenken und Leben zu nehmen. Sie wird sich der Macht und Verantwortung bewusst. Ihr stürmischer Geist schlägt Wurzeln. Wenn sie in ein Wasser blickt, so will sie nicht mehr nur hineinspringen, sondern sie sieht sich auch, erkennt sich und ihr Inneres. Deshalb erfährt die Jung(e)frau sich nun zusätzlich auf eine andere Weise, sie entdeckt die Lust in sich und erkundet die Ekstase.

 

Von Frau zu Frau das Wissen der Menarche weitergeben

 

Das Blut der Menarche ist meistens kurz und tiefrot, es kommt und geht wie ein lauwarmer Frühlingsschauer. Nimmt eine Frau eine Jung(e)frau zu der Zeit an die Hand und führt sie in eine Höhle oder eine Lichtung oder ein Wohnzimmer, so entsteht eine Verbindung. Die eine Frau gibt der anderen Frau Wissen und Liebe. Die andere Frau kann die Last der Menstruation lassen, loslassen, sich einlassen auf das Blut und seinen Fluss.

Die Menarche zu feiern, ohne Mitleidige Blicke oder spontane Ermahnungen ab jetzt ständig an Verhütung zu denken, ist eine große Freude für alle Frauen. Lasst sie hoch leben, die Jung(e)frau, die nun zur Frau geworden ist! Sammelt ihr Menarche-Blut und bewahrt es auf. Oder gebt es unter Jauchzen und Johlen Mutter Erde zurück. Lasst die Blutende erst durch weiße und dann durch rote Tücher laufen. Werdet allesamt zu weißen, roten und schwarzen Drachinnen, die hoch über den Bäumen ihre Kreise ziehen und des Nachts den Himmel zum Brennen bringen!

Drachenjung(e)frauen unterstützen:

* Statt dem Wort Jungfrau verwende ich in diesem Text absichtlich die abgewandelte Form Jung(e)frau, die darauf aufmerksam machen soll, dass Jungfrau keine sexuelle Aussage ist, sondern nach alter Form allein auf die Wortherkunft „junge Frau“ zurückgeht.

 

¹Luisa Francia: Drachenzeit. Frauenoffensive, 1987, S. 47.

 

Bild: Alex Blăjan Unsplash

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